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Männerfragen
Harald Martenstein über die Macht der Frauen
In den letzten Wochen habe ich sehr oft Artikel
zur Frauenfrage in der Zeitung gefunden. Die Frauenfrage besteht darin, dass
die Frauen mit ihrem Los und mit der gesellschaftlichen Rollenverteilung
unzufrieden sind. Offenbar findet dazu im Augenblick eine Debatte oder ein
Trend statt. Ich möchte zu diesem Trend etwas Überraschendes beitragen. Ich
möchte über die Männerfrage schreiben.
Wenn ich mir die Liste der Generaldirektoren und
Chefredakteure und den Durchschnittsverdienst und die Vereinbarkeit von
Kindern mit Beruf anschaue, denke ich immer, ach je, arme Frauen. Dann
schaue ich mir Paare an, die lange zusammenleben.
Mir ist aufgefallen, dass in sehr lange
bestehenden Partnerschaften fast immer die Frauen das dominierende Element
sind. Siebzig- oder achtzigjährige Ehemänner befinden sich häufig in einem
mentalen Zustand, der sich mit einem ausgeglühten Restbauernhof in der Mark
Brandenburg vergleichen lässt.
Sie müssen immer fragen, was sie anziehen sollen
und welche Schuhe dazu passen. Die Frauen reden, sie schweigen. Die Frauen
geben Anweisungen, die Männer führen es aus. In einer Gesprächssituation
wiederholen ältere Männer häufig das, was ihre Frau gerade eben gesagt hat,
zum Teil wörtlich, und merken es nicht.
Sie haben aufgehört, als selbstständige Person
zu existieren, sie sind wie Babys oder wie Weinbergschnecken. Die Frauen
sagen: »Trink nicht so viel, das ist nicht gut für dich. Iss gesunde Dinge.
Nimm dies.« Die Männer tun es. Die Frauen sagen: »Du könntest mal wieder
spazieren gehen, das ist gut für dich. Danach geh zum Friseur. Lass dich von
Yvonne schneiden, nicht von Petra.« Die Männer tun es. Es ist aber nicht gut
für sie. Es ist eine fürsorgliche Belagerung. Ich denke immer: »Gleich
nehmen die Frauen ihre Männer auf den Schoß und klopfen ihnen auf den
Rücken, damit sie Bäuerchen machen.«
Ich habe Angst vor der Zukunft. Ich bin weich.
Ich bin gefährdet. Jemand wird kommen und sagen: »Schreib eine Kolumne über
die Frauenfrage, schreib mit dem weiblichen Blick«, und ich werde es tun.
Das alles hängt sicher mit der Urzeit zusammen,
mit dem Matriarchat. Meine Vorfahren haben draußen gejagt, o ja, sie waren
Generaldirektoren und Chefredakteure, was das Mammut und die Bärenjagd
betrifft. Drinnen in der Höhle aber hatten sie nichts zu sagen. In der Höhle
regierte Big Mama.
Die gesellschaftliche Macht der Männer ist eine
unbestreitbare Tatsache. Die Macht der Frauen innerhalb der Ehen oder in der
Partnerschaft, oder wie auch immer es heute heißt, ist dagegen ein Tabu.
Fast niemand spricht darüber. Den Männern ist es peinlich, oder sie haben
bereits ein so reduziertes Artikulationsvermögen, dass sie nur darüber
sprechen könnten, wenn ihre Frau es ihnen Wort für Wort vorsagt, wenn sie
ihm vorspricht:
»Ich, Anton Müller, werde von meiner Frau sehr
stark dominiert und kann mir nicht einmal mehr selbstständig eine Krawatte
oder ein Mittagessen aussuchen, und wenn meine Frau sagt, komm, Anton, wir
ziehen um nach Duisburg, mir ist heute nach Umziehen, dann mach ich das.«
Diese Sätze wird ihre Frau ihnen aber niemals vorsprechen.
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